Donnerstag, Dezember 13th 2007


Warum ich nicht mehr Bahn fahre III
posted @ 17:18 in [ Aktuelles ]

Nun kam ich zu einem Bauzaun, der groß und unüberwindbar vor mir aufragte. Passanten liefen auf der anderen Seite vorbei, mit Einkaufstüten und rosigen Bäckchen. Ich stand auf der anderen Seite der Bauzaunmauer, mit fertig gepackten Koffern, bereit das Land zu verlassen. Für eine kurze Zeit ahnte ich wie sich die Leute im Osten gefühlt haben mussten, nur dass dies keine Mauer war und ich durchaus wagen könnte das Ding umzuwerfen ohne das Selbstschussanlagen feuerten. Aber ich konnte den Zaun kaum anheben. Welch Elend, dem Zug entkommen aber gefangen hinterm faschistischen Bauzaun. Ein passant lief glücklich auf der Wessi Seite vorbei, vielleicht hatte er gerade Schokoladennikoläuse für seine Enkel gekauft. Ich rief in einwandfreiem Hochdeutsch (sächsisch hätte abgedroschen gewirkt) ob er mir helfen könne den fiktiven Osten (sinngemäß)zu verlassen. Er fand die Lücke im Bauzaun und ich konnte die Grenze endlich hinter mir lassen. Ich wünschet ihm frohe Weihnachten, schüttelte seine Hand und war nun endlich wieder nicht von anderen Passanten zu unterscheiden. Man konnte mir mein Abenteuer nicht mehr ansehen. Ich hätte eine x-beliebige Person sein können, die das Haus mit Koffern und Taschen verlassen hat um zum Bahnhof zu laufen.
Ich fand mich sehr mutig, dass ich nun, da mich das Pferd um 19:23 abgeworfen hatte, wieder bereit war auf das Pferd um 20:39 aufzusteigen. Ich beschloss auf meinem langen Weg zum Bahnhof niemanden nach der Uhrzeit zu fragen, da ich sowieso keine Möglichkeit zur Beschleunigung meiner Fortbewegungsgeschwindigkeit mehr sah.
Ich lief bestimmt 25 Minuten, vielleicht waren es 35. Auf dem Weg zum Bahnhof passierte nicht viel, außer dass mein Rucksackreisverschluss aufsprang und beinahe der gesamte Inhalt auf den verregneten Asphalt purzelte, ich an einem Haus vorbeikam in dem brasilianische Trommler für den Karneval übten und ich einer Polizeistreife in einem Zivilfahrzeug begegnete als ich an der Ampel wartete, dass die Männchen grün werden würden.

Ich kam 10 miauten vor der Abfahrtszeit des zweiten Zuges nach Stuttgart an und beschloss diesmal keine Fhler zu machen. Eine Telefonzelle konnte ich beim besten Willen nicht finden. Demetrius Popo tat mir schrecklich leid. Ich musste mich enstcheiden ihn anzurufen oder den Zug zu erwischen, der mich racsh zu ihm bringen sollte. Ich wählte den Zug. Das Ticket 2.er Klasse löste ich noch schnell am Automaten. Ich glaubte so Geld sparen zu können. Sicher ist Dienstag abend der Zug nicht überfüllt.
Ha! Von wegen. Hustende und in allen facetten nach Schweiß riechende Fahrgästen quetschten sich dicht an dicht in der zweiten Klasse. Für einen kurzen Moment sehnte ich mich nach den drei leeren Waggons auf dem Abstellgleis.
Ich wollte aber weiter auf Sparkurs bleiben und beschloss mich mit einer Adelholzer Apfelschorle in den Selbstbedienungsteil des Bordbistros zu setzen.
Der indische Bahnbeamte antwortete der brünetten Dame mit dem Thinkpad neben mir auf die Frage ob die Steckdosen hier funktionieren würden mit einem knappen “ja”.
Zufrieden steckten wir beide unsere ladekabel in die Bordbistro Steckdosen, nur bei mir tat sich nichts. Einen Kuli hatte ich nicht - ich musste das Notebook anbekommen. War es kaputt? Funktionierte die Steckdose, nur mein Notebook nicht? Ich fragte die Frau ob die Steckdose bei Ihr funktioniere. Sie verneinte und fragte wiederum den Inder was denn los sei? Der gab prompt zurück “bei staubsauger die nur funktioniere, aber nicht bei andere” Die Frau war leicht entnervt und schnauzte : Ach ja und warum sagen sie das nicht gleich- was denken sie was ich hier will? Nachdem er mehrmals doch relativ dümmlich und auf ignornate Weise antwortete: Sie fragen ob Strom und ich sage ja ist doch alles gut” gesagt hatte, platzte mir der kragen und ich rief überschäumend: ja was dneken sie denn, dass ich hier gottverdammt diesen bescheuerten Zug saugen will?!” Ich musste über meinen Wutausbruch schmunzeln und der inder amüsierte sich. Ich beschloss in ein anderes Abteil zu gehen. Vollbepackt stellte ich fest, dass ich mich mit all meiner Habe neben eine womöglich bereits von dem Novovirus befallene person setzen müssen würde.
Ich hatte geschworen die First nur im absoluten Notfall zu benutzen. Aber bevor ich den Inder k.o. schlagen würde und wegen Körperverletzung angezeigt werden würde oder eine langwierige und Kräfte zehrende Durchfallgrippe von einem schweißgetränkten Huster geschenkt bekommen würde musste ich handeln. Ich beschloss mich selbst in die First Class zu evakuieren.
Eine kluge Entscheidung, bis ich feststellte, dass mir für das Upgrade das nötige Kleingeld fehlt und ich feilschte um in Sicherheit zu bleiben. Es gelang mir. Ich habe mich nicht mal richtig dankbar gezeigt, die Mundwinkel hatten für heute Pause.
Endlich konnte ich mein Notebook einstecken. Ich plante längst nicht mehr Notizen zu dem Buch, das ich lesen sollte zu machen, sondern fasste den Entschluss diesen kurzen Auszug meines Abends aufzuzeichnen um ihn in Zukunft hervor kramen zu können, wenn mich wieder einmal jemand mit den Worten ” also Bahnfahren kann doch auch ganz entspannend sein” dazu bewegen möchte, gegen meine heute schwarz auf weiß gefassten Prinzipien zu handeln.


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