Mittwoch, Dezember 12th 2007


Warum ich nicht mehr Bahn fahre II
posted @ 17:31 in [ Aktuelles ]

Ich blickte mich um und auch wenn es zur ganzheitlichen Realisierung noch nicht reichen wollte, war mir doch schlagartig unbewusst bewusst, dass dieser Zug auf dem Abstellgleis weit draußen vor dem Bahnhof stand und darauf wartete, vielleicht im Morgengrauen oder am nächsten oder übernächsten Tag gereinigt und gewartet zu werden.
Ich war allein. Meine Streifzüge mit meinem gesamten Gepäck zum ganz vorderen und ganz hinteren Teil des Waggons bestätigten meine Vermutung, ich war allein im Zug nach Nirgendwo, der richtigerweise gar kein Zug war, weil die Lok fehlte.
Ich fühlte mich betrogen vom Leben, aber vor allem fühlte ich mich betrogen von sämtlichen Lokführern, für die ich mich während der Tarifverhandlungsdebatten noch so stark gemacht hatte. Sie hatten mich abgekoppelt und auf ein gottverlassenes Abstellgleis geparkt.
Mein Handyakku war leer, fast. Mit den letzten Tropfen Akkusaftes rief ich die rettende Stimme in Stuttgart an und schilderte ihr in ruhigem Ton die Lage. Notruftelefone gibt es in der Bahn nicht, muss man dazu wissen. Er gab an sofort dort anzurufen und die Situation zu klären - dann ein knacken - Stille- …- das Telefon war tot. Keine Chance es wieder zu beleben. Nachdem ich erst den Akku, dann das Handy, dann Fabrikanten von Ladegerät und Telefon gleichermaßen verflucht hatte und zu guter letzt mich selbst beschloss ich zu handeln. Die Situation war beklemmend, irre Gedanken rasten durch meinen Kopf - was wenn es eine Bombendrohung für diese drei Waggons gegeben hatte und die Bombe könne jeden Moment explodieren? Keine Frage ich musste hier raus. In einigen Kilometer Entfernung sah ich den Bahnhof leuchten. Aber wie komme ich hier nur raus? Nachdem ich mich mit dem Gedanken angefreundet hatte mit dem Nothammer die Scheibe einzuschlagen probierte ich den Türöffnerknopf und hast-du-nicht-gesehen- die Tür öffnet sich schnaufend und klappte zur Seite. Der Ausgang war jetzt allerdings durch die Abwesenheit eines Bahnsteiges sehr hoch oben, bzw. der Boden war sehr weit unten. Ich musste also circa einen Meter fünfzig hinunter springen um den grässlichen überdimensionierten Stahlwurm hinter mir zu lassen. Der Sprung in die Tiefe war eher unspektakulär und ich überstand ihn ohne Blessuren.
Nun da die Tür hinter mir so sperrangelweit offen stand, kam mir der unbehagliche Gedanke, man könne mich zur Rechenschaft für eine offen gelassene Tür, und eventuelle daraus resultierende Schäden ziehen. Ich reckte mich wieder hoch zum Zug und drückte den Türschließknopf. “Piep piep piep” Unter piepen und Schnaufen schloss sich die Tür des Zugs, der eigentlich kein Zug war, da er keine Lok besaß, die ihn hätte ziehen können. Zumindest war ich frei. Ich hatte nun die Wahl zwischen zwei Wegen, entweder ich blieb auf dem schmalen, dürftig geteerten Weg der sich eng zwischen den Gleisen schlängelte oder ich wählte erst einmal den Weg nach rechts, bei dem ich zwar 5 Gleise zu überqueren haben würde, aber auf einer Art Überweg, den auch ein Auto hätte benutzen können. Da ich nicht sah, wie der weitere Verlauf des schmalen Weges sein würde, entschloss ich mich dazu den geteerten Weg über die 5 Gleise mit äußerster Vorsicht zu gehen. Denn hätte ich die Gleise hinter mir, so wäre ich in einer Art Industriegebiet neben dem Bahnhof mit Fußwegen und somit kaum zu unterscheiden von jemandem der diesen Weg zum Bahnhof ganz gewöhnlich ging.
So jemand kam mir dann entgegen. Ich blickte verzweifelt und bat ihn sein Telefon benutzen zu dürfen um der rettenden Stimme in Stuttgart mitzuteilen, dass ich frei und bei bester Gesundheit war. “Ich bin rausgeklettert - alles ok -laufe zum Bahnhof zurück” Ein Telegramm wäre kaum besser zu verfassen gewesen. Er hatte wohl eben mit dem Bahnhof telefoniert, denn er ließ es mich wissen.
Das war das letzte was ich von ihm bis jetzt gehört habe, aber das ist ja auch erst eine Stunde her und ich bin ja schon auf direktem Weg sozusagen unterwegs ein Telefon zu finden und ihn anzurufen. Im Zug gibt es nämlich keines, das habe ich mehrmals erfragt und geprüft. Ich hoffe die rettende Stimme in Stuttgart macht sich keine allzu großen Sorgen um mich.
Nun gut ich hatte also telefoniert und war wieder auf sicherem Wege zurück zum Bahnhof. Unter Schwüren, dass ich heute das letzte Mal in einen Zug steigen und danach meine Bahncard verbrennen würde kämpfte ich mich vorwärts. Natürlich habe ich nicht wirklich vor, meine Bahncard zu verbrennen, da ich nicht weiß ob man eine verbrannte Bahncard kündigen kann..


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